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Natürlich die Autofahrer

© Foto: SergeyNivens / depositphotos.com

Natürlich die Autofahrer – so heißt ein Film, in dem Heinz Erhardt auf Kriegsfuß mit dem autofahrenden Teil der Gesellschaft steht. Als Kind lachte ich über die alberne Darstellung des Verkehrspolizisten Eberhard Dobermann. Heute kann ich mich sogar ein Stück weit mit ihm identifizieren.

Vor Kurzem sind meine Frau und ich in ein kleines Stadthaus umgezogen, nur wenige Kilometer von meinem Arbeitgeber entfernt. Seitdem lasse ich den ollen Dieselkombi öfter mal stehen und setze auf den Drahtesel. Das ist umweltfreundlich, günstig im Unterhalt und – man hätte es nicht für möglich gehalten – macht sogar Spaß. Könnte es jedenfalls, wären da nicht diese anderen Verkehrsteilnehmer, die aus purer Faulheit jede noch so kleine Strecke mit dem Auto zurücklegen müssen. So verkommt meine morgendliche Fahrt zur Arbeit regelmäßig zum Kampf gegen schier endlose Blechlawinen. Erst neulich nahm mir ein SUV-Fahrer bei der Ausfahrt aus dem Kreisverkehr auf dreiste Weise die Vorfahrt und quittierte meine Empörung beim Vorbeirasen mit einem erhobenen Mittelfinger. Ein anderes Mal öffnete eine ältere Dame nach dem Einparken einfach die Fahrertür ihres Kleinwagens, ohne auf den Radweg zu achten. Und vom Sicherheitsabstand beim Überholen scheint die motorisierte Fraktion noch nie etwas gehört zu haben. Nach rund fünf Wochen als Radfahrer entwickelte ich eine gewisse Militanz gegenüber diesen Verkehrsrowdys, ertappte mich immer öfter dabei, wie mir unflätige Bemerkungen oder beleidigende Gesten entfuhren, die ich so noch nicht von mir kannte.

Ein Perspektivwechsel ergab sich, als mein mittlerweile so geliebtes Fahrrad jüngst wegen eines platten Reifens seinen Dienst verweigerte. Um rechtzeitig zur Arbeit zu kommen, sattelte ich unwillig aufs Auto um, kratzte die vom nächtlichen Frost vereiste Scheibe notdürftig frei und machte mich auf den Weg. „Warum hat der Idiot denn kein Licht an?“, dachte ich mir, als ich beim langsamen Herantasten an die Kreuzung fast einen Fahrradfahrer übersah. Am nächsten Tag, den Platten hatte ich aus Bequemlichkeit immer noch nicht geflickt, musste ich hart in die Eisen gehen, weil so ein rücksichtsloser Teenager mit Kopfhörern im Ohr einfach ohne zu schauen in den Kreisverkehr radelte. Im Büro angekommen, machte ich mir Gedanken über die scheinbare Unversöhnbarkeit zwischen Radlern und Autofahrern. Hat keine der beiden Seiten recht? Ist der Straßenverkehr vielleicht nur ein Ventil, um unseren im Berufs- und Privatleben angestauten Frust abzubauen? Und was würde Eberhard Dobermann dazu sagen? Bevor ich mich an die Arbeit machte, schrieb ich meiner Frau eine Whatsapp-Nachricht. „Schatz, wir sollten mal wieder einen Film mit Heinz Erhardt schauen.“ pa

© Foto: SergeyNivens / depositphotos.com

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