ANZEIGE
ANZEIGE

Im Gespräch mit Bastian Sick

Foto: Bastian Sick

Allein beim Wort Grammatik sträuben sich bei vielen die Haare, von Rechtschreibung ganz zu schweigen. Umso interessanter ist die innige Beziehung zwischen der deutschen Sprache und dem Journalisten und Entertainer Bastian Sick. Er wuchs im beschaulichen Ratekau auf und entwickelte schon früh eine Faszination für die deutsche Sprache. Wir erfuhren von dem 50-jährigen Bestseller-Autor, der seit 2014 in Niendorf lebt, wie er es schafft, die unliebsamen Themen Rechtschreibung und Grammatik einem breiten Publikum schmackhaft zu machen.

 

Als Schriftsteller und Journalist haben Sie eine Affinität zu Wort und Schrift. Was halten Sie von der Verwendung von Anglizismen?

Englische Wörter sind mir überall willkommen, wo sie eine Lücke
schließen. Denn für so manches gibt es kein passendes deutsches Wort, oder wenn, dann ist es oft zu lang und umständlich. Countdown, T-Shirt, Shampoo und Spray sind Wörter, auf die ich nicht verzichten wollte.
Wo sie hingegen deutsche Wörter ersetzen und verdrängen, wo sie der Verschleierung und Effekthascherei dienen, da sind mir die Anglizismen eher suspekt. Ich brauche keinen „Event“ anstelle einer „Veranstaltung“, keinen „Counter“ anstelle eines „Schalters“, keinen „Sale“ anstelle eines „Schlussverkaufs“. Man muss dabei auch immer fragen: Wer verwendet diese Wörter und welchen Zweck verfolgt er damit? Politiker, Kaufleute und Marketingstrategen tun es oft, um wichtiger zu klingen und Eindruck zu schinden.  

Mit der Buchreihe „Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod“ haben Sie
offensichtlich den Zahn der Zeit getroffen und Ende 2015 bereits den sechsten Teil veröffentlicht. Worauf basiert Ihrer Meinung nach der
Erfolg des Buches?

Einerseits auf der großen allgemeinen Verunsicherung. Überall, wo Sprache für kommerzielle Zwecke eingesetzt wird, werden inzwischen erschreckend viele Fehler gemacht: in der Werbung, der Presse, im Fernsehen,
im Internet sowieso. Es scheint, als kennte niemand mehr die Regeln, als würde Deutsch an den Schulen nicht mehr richtig gelehrt. Und wenn dann jemand kommt, der erklärt, wie es eigentlich heißen sollte, sind viele
Menschen dankbar und erleichtert. Andererseits liegt es wohl am Humor. Bücher über Sprache und Grammatik hat es immer schon gegeben; ich war längst nicht der Erste, der sich dieses Themas angenommen hat. Aber ich war wohl der Erste, der es auf kurzweilige, amüsante Art
angepackt hat.

Wird es einen siebten Teil geben?

Das hängt letztlich von den Verkaufszahlen des sechsten ab. Zu erzählen und zu erklären gäbe es noch vieles, aber ich muss auch davon leben
können, und mein Verlag auch.

Wenn Sie nicht gerade Bücher schreiben, dann lesen Sie bestimmt
sehr gerne, oder?

Das ist zweifellos richtig. Kürzlich habe ich von Stephen King „Über das Leben und das Schreiben“ gelesen, ein großartig geschriebenes Buch, das dem Leser spannende Einblicke in die Entstehung und das Funktionieren von Literatur gewährt. Davor habe ich „Elf ist freundlich und Fünf ist laut“ gelesen, das Buch des Savant-Autisten Daniel Tammet. Zurzeit lese ich von Peter Wohlleben über „Das geheime Leben der Bäume“ und habe mit Erstaunen gelernt, dass das größte Lebewesen, das je existiert hat, kein Wal und kein Dinosaurier ist, sondern ein Pilz. Einige Pilze haben ein unterirdisches Geflecht von der Größe des Saarlandes.

Welches ist Ihr persönliches Unwort des Jahres?

Mein Unwort der letzten Jahre ist „gerne“. Es verdrängt immer mehr das schöne Wort „bitte“. Statt „Nehmen Sie bitte im Wartezimmer Platz“ heißt es heute „Nehmen Sie gerne im Wartezimmer Platz“. Da wird die ehemals höfliche Bitte zu seiner selbstgefälligen Geste.

Welche beruflichen Projekte sind für 2016 geplant?

Zusammen mit einer Schweizer Firma entwickele ich gerade eine Quiz-App für Smartphones und iPads, die ganz wunderbar wird. Es macht mir enorm viel Spaß, Fragen und Antwortmöglichkeiten zu ersinnen. Dabei stoße ich auch selbst immer wieder auf neue Erkenntnisse. Außerdem ist ein neues Happy-Aua-Buch in Vorbereitung, und es wird auch wieder jede Menge Lesungen geben. Es beginnt im März mit einer Tournee durch die Rosenhöfe. Am 3.3. bin ich im Rosenhof in Travemünde.

Denken Sie, dass es uns gelingen kann, die Vielfalt der deutschen
Sprache zu erhalten?

Selbstverständlich. Aber Sprache ist immer im Wandel begriffen. Die Vielfalt von heute ist das Antiquitäten-Inventar von morgen. Das ist allerdings kein Grund zur Besorgnis. Wir finden es doch auch nicht schlimm, dass wir heute anders schreiben und sprechen als zu Zeiten von Luther oder Goethe. Die würden unser heutiges Deutsch kaum verstehen und hielten es sicherlich für den Untergang des Abendlandes.  

Hatten Sie einen guten Vorsatz zum Jahreswechsel und wenn ja,
wie ist der aktuelle Stand bezüglich der Umsetzung?

Ich nehme mir immer wieder mal vor, deutlicher Stellung zu beziehen zu politischen Themen. Denn in unserem System wird die Wirtschaft verehrt wie ein Götze. Es heißt immer, Deutschland müsse „wettbewerbsfähig“ bleiben. Ich aber finde, Deutschland muss vor allem lebenswert bleiben, und das erreicht man nur mit einer lebendigen, ausgeprägten Kultur und mit Bildung, Bildung und nochmals Bildung. Bildung und Erziehung sind das Einzige, was uns vor der Selbstzerstörung bewahren kann, vor Übergriffen wie denen in der Neujahrsnacht in Köln und Hamburg, vor brennenden Flüchtlingsunterkünften, vor Fanatismus und Gewalt.

Was wird im Hause Sick gerne gegessen? Buchstabensuppe vielleicht? 😉

Ich liebe nichts so sehr wie die gute holsteinische Küche: Kartoffeln, Gemüse, Frikadellen, Leber mit Apfelmus, Pfannkuchen – oder ein knuspriges Lachsbrötchen am Niendorfer Hafen; schon bei dem Gedanken daran bekomme ich wieder Appetit. Buchstabensuppe gibt’s bei mir nicht, aber ich verknuspere gern mal Russisch Brot, das sind diese Kekse in Buchstabenform. 

Wortspiele bringen Spaß. Haben Sie zum Schluss vielleicht noch etwas Lustiges auf Lager?

Einen sehr schönen Dreher haben Sie selbst geliefert, als Sie eingangs feststellten, meine Bücher hätten „den Zahn der Zeit“ getroffen. Sie meinten sicherlich den „Nerv der Zeit“. Der Zahn der Zeit ist hauptsächlich für seine nagende Wirkung bekannt. Solche Dreher passieren uns allen aber ständig, und sie bringen uns einerseits zum Lachen, andererseits zum Nachdenken, daher sind sie von unschätzbarem Wert. Im Herbst wird ein weiteres Postkartenbuch von mir erscheinen mit flotten Sprüchen wie „Steht der Tropfen, hält der Stein“, „Das lass ich mir nicht zweimal entgehen“, „Lass doch mal fünf Grad sein“ und „Das ist so sicher wie abends in der Kirche.“

Wir bedanken uns für das nette Gespräch und wünschen Ihnen und Ihren Liebsten ein gesundes und erfolgreiches Jahr 2016.

 

Foto: Bastian Sick

You must be logged in to post a comment Login