Früher war Fernsehen eine erstaunlich übersichtliche Angelegenheit. Man nahm die Fernsehzeitung, tippte mit dem Finger auf ein Programm, und schon war der Abend verplant. Am Sonntag gab es gar nichts zu entscheiden: Tatort. Punkt. Und wenn „Wetten, dass..?“ lief, stellte sich die Frage nach Alternativen sowieso nicht. Der Fernseher bestimmte das Leben – und alle waren zufrieden. Heute hingegen bestimmen wir selbst. Zumindest theoretisch. Mit Netflix, Amazon Prime und seit neuestem auch noch Disney+ stehen uns tausende Filme und Serien jederzeit zur Verfügung. Eine unerschöpfliche Auswahl, die sich in der Praxis als tückischer entpuppt als jeder Tatort-Mörder. Denn was eigentlich Freiheit sein sollte, endet jeden Abend gleich: Wir scrollen uns durch endlose Menüs, wechseln von „Top 10 in Deutschland“ zu „Weil Sie X gesehen haben“, starten drei Trailer – und nach einer halben Stunde ist die Stimmung dahin. Ich will das nicht, meine Frau will jenes nicht, und am Ende will keiner mehr irgendwas. Statt Entspannung: Optimierungsstress im heimischen Wohnzimmer. Und falls wir uns tatsächlich einmal auf einen Film einigen, geht das Drama weiter. Spätestens nach zwanzig Minuten piepst ein Handy. Entweder ruft Tante Jutta an, oder Amazon meldet, dass die fantastische Bohrmaschine „nur noch heute“ zum halben Preis zu haben ist. Einer von uns drückt auf Pause, der andere verdreht die Augen – und schon ist die Atmosphäre dahin. Vor kurzem hatte ich deshalb eine verrückte Idee: „Lass uns doch einfach mal wieder lineares Fernsehen schauen – wie damals.“ Gesagt, getan. Wir kauften uns eine Fernsehzeitschrift (allein das fühlte sich schon wie eine Zeitreise an) und entschieden uns für einen Clint-Eastwood-Klassiker im Öffentlich-Rechtlichen. Den Actionkracher auf RTL hätten wir zwar spannender gefunden, aber fünf Werbeunterbrechungen wollten wir uns dann doch nicht antun. Also: Handys aus, Pausen verboten, volle Konzentration. Das hielt exakt bis zur ersten spannenden Szene. Da meldete sich unser Nachwuchs im Kinderzimmer und schrie, als ginge es um Leben und Tod. Ich rannte los, beruhigte ihn und kam fünf Minuten später zurück. Meine Frau versuchte mir zu erklären, was passiert war – allerdings so verworren, dass ich am liebsten gleich nochmal von vorn angefangen hätte. Kurz vor Schluss hielt es dann meine Frau nicht mehr aus und eilte zur Toilette. Als sie zurückkam, flimmerte gerade der Abspann über den Bildschirm. Und da war er wieder, dieser kleine Moment der Erkenntnis: Ganz so viel besser war die „gute alte Zeit“ vielleicht doch nicht. Aber immerhin haben wir sie für einen Abend zurückgeholt. pa