25. Juli 2026
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Wenn Freiheit in der Kita zur Herausforderung wird

Die Idee klingt erstmal fantastisch: Kinder sollen sich frei entfalten. Sie sollen aus eigenem Antrieb lernen, eigene Erfahrungen machen und durch die Freude an der selbstgewählten Tätigkeit wachsen. Keine starren Strukturen mehr, keine autoritären Vorgaben – stattdessen Selbstbestimmung, Individualität und pädagogische Freiheit. Maria Montessori nickt vermutlich irgendwo zustimmend aus dem Jenseits. Auch die Kita unseres Sohnes hat vor Kurzem auf das offene Konzept umgestellt. Und ehrlich: Die Ausstattung ist beeindruckend. Es gibt einen Bastelraum, einen Verkleidungsraum, einen Spieleraum und sogar eine kleine Bücherei. Die Kinder dürfen selbst entscheiden, wo sie sein möchten. Sie hängen einfach ihr Foto an eine Magnetwand in dem Raum, in dem sie sich gerade aufhalten. Klingt modern, kreativ und irgendwie nach Start-up für Vorschulkinder. Früher gab es Morgenkreise. Heute finden sie nur noch sporadisch statt – vermutlich spontan, basisdemokratisch und abhängig von der kollektiven Tagesenergie der Vierjährigen. Auch das gemeinsame Essen in der Gruppe wurde ersetzt: durch das sogenannte „Kinderrestaurant“. Zwischen 12 und 13 Uhr dürfen die Kinder dort essen gehen. Wann sie wollen. Oder eben nicht. Das hört sich alles erstmal toll an. Wirklich. Bis man die Praxis erlebt. Als ich meinen Sohn neulich abholte, sah ich den kleinen Tobi. Tobi raste wie von der Tarantel gestochen von Raum zu Raum und hinterließ dabei eine Schneise der Verwüstung. Im Bastelraum klebte Glitzer an der Wand, im Verkleidungsraum lag ein Piratenhut im Waschbecken, und irgendwo weinte ein Kind, weil ihm offenbar ein Holzlöffel als „Laserschwert“ entwendet worden war. Eine Erzieherin blickte mit jener Mischung aus Erschöpfung und pädagogischer Gelassenheit ins Leere, die man sonst nur von Bahnmitarbeitern im Schienenersatzverkehr kennt. Natürlich kommen manche Kinder mit dieser Freiheit wunderbar zurecht. Aber viele eben auch nicht. Denn Überraschung: Nicht jeder Fünfjährige ist ein kleiner Selbstmanagement-Coach mit ausgeprägter intrinsischer Motivation. Und dann kommt irgendwann die Schule. Das böse Erwachen. Plötzlich gibt es feste Klassen, Sitzordnung und Aufgaben. Da sagt tatsächlich jemand, wann man essen darf und dass man nicht während des Mathematikunterrichts spontan beschließt, lieber in die Bücherei zu gehen. Wir haben unseren Sohn deshalb – ein Jahr vor Schulstart – in einem anderen Kindergarten angemeldet. Mit festen Gruppen, gemeinsamen Mahlzeiten und einem Morgenkreis, der tatsächlich jeden Morgen stattfindet. Revolutionär, ich weiß.

pa

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