Ach, die Fußball-Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland – was für eine Zeit! Für mich war es eine Offenbarung, ein wahres Sommermärchen, das sich in meine Erinnerungen gebrannt hat wie der Duft von frisch gegrillten Bratwürsten auf einem heißen Sommertag.
Noch nie hatte ich erlebt, dass irgendetwas Menschen so verbindet wie der Fußball in jenem Sommer. Plötzlich waren alle besten Freunde, selbst wenn sie sich nur eine Sekunde vorher noch um die letzte Currywurst gestritten hatten. Egal ob beim Public Viewing auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg nach dem grandiosen Sieg gegen Schweden oder in Flensburg an der Hörn nach dem packenden Triumph gegen Argentinien – die Plätze und Straßen waren gesäumt von jubelnden Menschen, und jeder von ihnen war ein Freund. Erkennen konnte man diese neuen besten Freunde leicht an ihren Trikots unserer Elf. Klose, Ballack oder Podolski prangten auf den Rücken, und man wusste sofort: „Aha, der versteht mich! Der teilt meine Leidenschaft!“Diese unvergesslichen Abende beim Public Viewing, das kollektive Mitfiebern, das kollektive Anstoßen auf Tore und das kollektive Freuen – es war, als ob ganz Deutschland in einen einzigen, gigantischen Freundeskreis verwandelt worden wäre. Über Wochen hinweg gab es nur ein Thema, das wichtiger war als die Arbeit, das Wetter oder sogar der letzte Tatort: Fußball, Fußball und nochmals Fußball! In den letzten Jahren allerdings habe ich mich ein wenig von dieser Fußball-Leidenschaft entfernt. Schon der Triumph 2014 hat mich nicht mehr annähernd so bewegt wie die Heim-WM 2006. Vielleicht liegt es daran, dass ich im Erwachsenenalter zu rational an die Sache herangehe. „Was habe ich davon, wenn elf Männer, die ich gar nicht kenne, irgendwo einen Ball ins Tor schießen?“ frage ich mich mittlerweile. Aber jetzt steht wieder ein Turnier an, und diesmal nicht irgendwo, sondern direkt vor unserer Haustür. Die Heim-EM 2024! Und tief in mir spüre ich ein Kribbeln, ein kleines Fünkchen Hoffnung, dass der Geist von 2006 wieder erwachen könnte. Auch mein Sohn, der sonst eher für Dinosaurier und Weltraumabenteuer schwärmt, hat sich plötzlich ein Fußballtrikot gewünscht. Ich habe es ihm sofort gekauft, auch wenn ich den Spieler, dessen Name seinen Rücken ziert, nicht kenne. Ehrlich gesagt, könnte es genauso gut der Name eines Pokémons sein.
Vielleicht ist das der erste Schritt zurück in die Fußball-Euphorie. Denn eins ist sicher: Wenn Deutschland spielt und die Menschen jubeln, wird aus einem schüchternen „Hallo“ schnell ein herzliches „Du auch hier?“, und aus Fremden werden Freunde. So wie damals im Sommer 2006.
Also, auf ein Neues! Lasst uns gemeinsam fiebern, anstoßen und freuen. Denn eines bleibt immer wahr: Im Fußball sind wir alle Brüder und Schwestern, auch wenn wir nur durch ein Trikot verbunden sind. pa