Das Jahr ist noch jung. Sind Sie gut reingerutscht und haben Sie besondere Vorsätze für 2026 gefasst?
Ich bin ruhig und bewusst ins neue Jahr gegangen. Ohne große Vorsätze, ohne To-do-Liste für die kommenden Monate. Nach sehr intensiven Jahren fühlt sich 2026 für mich eher wie ein Moment des Innehaltens an als wie ein Neustart.
Wenn ich mir überhaupt etwas vorgenommen habe, dann zuzuhören. Den Gesprächen, die entstehen, wenn Menschen sich auf Geschichten einlassen, und den Fragen, die daraus wachsen. Mich interessiert weniger, Antworten zu geben, als wahrzunehmen, was in anderen in Bewegung gerät.
Sie leben in Montana und Südtirol. Was verbindet Sie mit diesen Regionen?
Beide Orte sind von einer überwältigenden Natur geprägt, die unmittelbar wirkt.
Die Weite Montanas – Berge, Ebenen, Himmel – schafft Distanz, Stille und einen inneren Abstand. Diese Distanz ist wichtig, um Dinge überhaupt denken zu können, die in der Nähe schwer auszuhalten sind.
Südtirol dagegen liegt geografisch und historisch im Zentrum Europas. Gerade die Geschichte der dreißiger und vierziger Jahre zeigt hier sehr deutlich, wie Menschen sich politisch entschieden haben – und welche Konsequenzen diese Entscheidungen für Familien und nachfolgende Generationen hatten. Diese Nähe zur Geschichte, zu Brüchen und Verantwortung, ist im Alltag spürbar.
Zwischen der stillen Weite Montanas und der geschichtlichen Verdichtung Südtirols haben sich über Jahre Fragen gesammelt – einige davon haben schließlich ihren Weg in Vaterliebe gefunden.
Aufgewachsen sind Sie in Altjellingsdorf auf Fehmarn. Was ist Ihre schönste Kindheitserinnerung?
Es ist weniger eine konkrete Erinnerung als ein Grundgefühl.
Aufwachsen auf Fehmarn bedeutete Freiheit: weite Felder, Wind, das Meer immer in der Nähe. Viel draußen sein, viel Raum – körperlich und gedanklich.
Gleichzeitig gab es aber auch etwas Ungesagtes. Eine Stimmung, die man als Kind spürt, ohne sie benennen zu können. Rückblickend war es genau diese Mischung aus Freiheit und Schweigen, die mich geprägt hat. Und vielleicht ist sie auch der Grund, warum mich Fragen nach Herkunft, Erinnerung und Verantwortung bis heute begleiten.
Im März, genau am 26. März stellen Sie Ihr neues Buch „Vaterliebe“ beim UNICEF-Talk in Timmendorfer Strand vor. Besuchen Sie den Ort Ihrer Kindheit heute noch?
Ja, aber mit einem anderen Blick als früher. Wenn ich heute in den Norden komme – nach Fehmarn oder auch nach Timmendorfer Strand –, dann geht es mir weniger um Rückkehr als um Einordnung. Orte verändern sich kaum, aber das, was man in ihnen sieht, verändert sich sehr. Man erkennt Schönheit und Vertrautheit, aber auch die Schichten darunter: das, was lange erzählt wurde – und das, was verschwiegen blieb. Solche Besuche haben viel mit Gegenwart zu tun. Sie helfen, das Eigene in einen größeren Zusammenhang zu stellen.
Die Beziehung zwischen Ihnen und Ihrem Vater war schwierig. Ihr Buch ist auch ein Versuch, mit einer fiktiven Geschichte mit Parallelen zum eigenen Leben, das Kindheits-Trauma zu verarbeiten. Welche wichtige Frage würden Sie Ihrem Vater heute stellen?
Ich würde ihm keine anklagende Frage stellen. Mich würde vielmehr interessieren, was er selbst nicht erzählen konnte. Nicht aus bösem Willen, sondern aus Angst, aus Prägung, aus seiner Zeit heraus.Vielleicht wäre die eigentliche Frage: Was hat dich zum Schweigen gebracht? Denn Schweigen ist oft nicht das Ende einer Geschichte, sondern ihr Anfang. Und genau dort setzt Literatur an – nicht, um zu richten, sondern um verstehen zu wollen.
Es geht in dem Roman auch um Familiengeheimnisse und die Reichspogromnacht im November 1938. Welche Zusammenhänge gibt es da?
Die Reichspogromnacht steht für einen Moment, in dem Gewalt öffentlich wurde – und danach lange Zeit geschwiegen wurde. Nicht nur über das, was geschehen ist, sondern auch über die eigene Rolle darin. Dieses Schweigen hat sich tief in Familien eingeschrieben.
Familiengeheimnisse funktionieren ähnlich. Was nicht ausgesprochen wird, verschwindet nicht, sondern wirkt weiter – oft über Generationen hinweg. Vaterliebe interessiert sich genau für diesen Übergang: vom historischen Schweigen zum privaten Schweigen, von der großen Geschichte
zu ihren Spuren im Persönlichen. Denn Schweigen kann zerstörerischer sein, als die Wahrheit.
Ein anderes Thema: Bei den Karl-May-Spielen in Bad Segeberg haben Sie 2024 einen charmanten Schurken gespielt. Sind Sie demnächst wieder dabei?
Die Zeit bei den Karl-May-Spiele Bad Segeberg hat einen riesigen Spaß gebracht – gerade, weil das Theater dort so unmittelbar ist. Man spürt das Publikum, den Moment, die Energie, vor allem bei den Abendvorstellungen. 2024 war der Sommer meines Lebens. Ob und wann es eine Rückkehr gibt, ist derzeit offen. Aber grundsätzlich gilt: Wenn eine Rolle Substanz hat und Raum für Ambivalenz lässt, bin ich immer neugierig. Nicht die klaren Helden und Schurken sind die spannendsten Figuren, sondern die, in denen beides steckt.
Haben Sie neue Projekte als Schauspieler oder als Autor in Planung? Wie stellen Sie sich Ihre Zukunft vor?
Im Moment ist Vaterliebe selbst ein sehr lebendiges und offenes Projekt, aus dem sich noch vieles ergeben kann. Mein amerikanischer Co-Autor Richard Opper und ich haben fast zehn Jahre daran gearbeitet. Ursprünglich haben wir die Geschichte als monumentale TV-Serie entwickelt, uns dann aber bewusst entschieden, sie zunächst in Buchform zu veröffentlichen.
Diese Arbeit hat mir noch einmal gezeigt, wie wichtig es ist, sich Zeit zu nehmen – für Themen, die nicht schnell erzählt sind und nicht auf schnelle Effekte zielen. Ob sich daraus weitere Projekte ergeben, als Schauspieler oder als Autor, ist für mich zweitrangig. Entscheidend ist, dass ein Projekt eine innere Notwendigkeit hat und etwas berührt, das über den Moment hinausgeht. Wenn das gelingt, ergibt sich der nächste Schritt fast immer von selbst.