New York ist laut, schnell und ständig in Bewegung. Zwischen Wolkenkratzern, Taxen und den Leuchtreklamen des Times Square scheint die Stadt kaum stillzustehen. Doch wer früh aufsteht, langsam unterwegs ist und sich auf Begegnungen einlässt, entdeckt ein anderes New York. Ein ruhigeres, persönlicheres. Eines, das sich nicht allein auf den bekannten Sehenswürdigkeiten reduzieren lässt. In drei Tagen treffe ich drei Menschen, die mir ihre ganz eigene Stadt zeigen. Ron, Ireen und Ju Lin. Drei Begegnungen, die mir New York näherbringen als manches Wahrzeichen.
Rons Lieblingsplatz für das Frühstück
Früh am Morgen ist es am Times Square ungewöhnlich ruhig. Arbeiter beseitigen die Spuren der vergangenen Nacht, während die riesigen Reklametafeln ohne Pause leuchten. Der sonst so hektische Puls Manhattans ist um diese Zeit kaum zu spüren.
Mein Weg führt mich Uptown zur Roosevelt Island Tram. Auf der kurzen Fahrt überquert die Gondel den East River. Vier Minuten später liegt Manhattan auf der anderen Seite des Flusses, während die Sonne langsam aufgeht. An der Promenade verbringen einige Bauarbeiter ihre Pause auf den Bänken – Schutzhelme und Brotdosen neben sich.
Ich frage einen der Männer, ob ich ein Foto machen darf. Er schaut kurz auf und sagt: „Ja, aber mach schnell – und dann setz dich hierher.“ Ich fotografiere und nehme neben ihm Platz. Sein Name ist Ron. Er legt sein Handy zur Seite und fragt mich, ob ich den schönsten Platz zum Frühstücken in New York kenne. Meine Antwort wartet er gar nicht erst ab: Für ihn ist es genau hier. Er hat recht. Nur Vögel sind zu hören, der Wind streicht durch die Blätter, während auf der anderen Seite des Flusses Manhattan erwacht. Ein Schwarm gelber Taxis liefert sich ein Hupkonzert, während ein Feuerwehrauto und ein Rettungswagen mit Signalhorn sich durch den Verkehr kämpfen.
Wir trinken unseren Kaffee, reden ein paar Minuten, dann muss Ron zurück an die Arbeit. Ich gehe weiter zum Franklin D. Roosevelt Four Freedoms Park und später mit dem Wassertaxi Richtung Manhattan. Doch Rons Frage begleitet mich.

Ireen und ein Stück Brooklyn
Am nächsten Morgen fahre ich nach Coney Island. Am Riegelmann Boardwalk liegt noch die Ruhe des frühen Tages über dem Atlantik. Der historische Vergnügungspark mit dem Cyclone aus dem Jahr 1927 wirkt fast wie eine Filmkulisse.
Viele New Yorker nutzen die frühen Morgenstunden für Joggingrunden und Spaziergänge. Hier treffe ich Ireen, die Polin lebt seit 40 Jahren in Brooklyn. Wir kommen ins Gespräch und sie bietet mir spontan an, mir ihr Viertel zu zeigen.
Gemeinsam schlendern wir über den Brighton Beach Boulevard. Russische Geschäfte, Cafés und Restaurants säumen die Straßen. In einem Supermarkt kaufen wir Chabureki, knusprige Teigtaschen mit Fleischfüllung. Anschließend setzen wir uns an den Strand und essen sie gemeinsam. Dann muss Ireen weiter, die ehrenamtliche Tätigkeit in ihrer Kirche wartet. Beim Abschied versprechen wir uns, uns bei meinem nächsten Besuch wiederzusehen. Sie möchte mir dann noch mehr von Brooklyn zeigen.

Ju Lin und ein Mittagessen in Manhattan
Am dritten Tag lande ich im Bryant Park. Zwischen Wolkenkratzern und der New York Public Library sitzen New Yorker an kleinen Tischen und verbringen ihre Mittagspause. Ich setze mich dazu – wenig später fragt mich eine Frau, ob der Platz neben mir frei ist.
Sie heißt Ju Lin und stammt aus Korea. Während wir uns unterhalten, packt sie ihr Mittagessen aus: Dumplings, Meeresfrüchte und Kimchi. Das Essen hat ihr Bruder zubereitet, der ein Restaurant in Koreatown betreibt. Ich frage, wo ich solche Köstlichkeiten kaufen könne.
Statt einer Antwort greift sie zum Telefon. Wenige Minuten später kündigt sie an, eine Kollegin werde etwas zu essen vorbeibringen. Tatsächlich erscheint kurz darauf Abigail mit weiteren Speisen und so sitzen wir zu dritt an dem kleinen Tisch im Bryant Park, essen gemeinsam und erzählen uns aus unserem Leben. Die Zeit vergeht viel zu schnell. Ju Lin und Abigail müssen zurück ins Büro, auch meine Reise neigt sich dem Ende entgegen.
Am Abend sitze ich im Flugzeug nach Deutschland. Drei Tage New York, drei Begegnungen, drei völlig unterschiedliche Geschichten. Die großen Wahrzeichen habe ich gesehen – doch in Erinnerung bleiben vor allem Ron, Ireen und Ju Lin.
Vielleicht ist das die schönste Seite des Reisens: Eine Stadt lässt sich nicht nur über ihre Sehenswürdigkeiten entdecken. Manchmal reicht ein kurzer Moment, ein gemeinsamer Kaffee oder ein Mittagessen mit einem fremden Menschen, um für einen Augenblick Teil einer anderen Welt zu werden. Und manchmal beginnt die eigentliche Reise genau dort, wo der Reiseführer aufhört.
Auskunft: Infos zu New York City gibt
es auf www.nyctourism.com