Endloser Strand, hohe Dünen und ein Gefühl von Freiheit: Amrum ist ein Rückzugsort für alle, die Natur und Weite suchen. Die Insel liegt westlich von Föhr im Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer und zählt mit rund 20 km² zu den größten deutschen Inseln. Schon die zweistündige Fährfahrt ab Dagebüll, vorbei an Halligen und Föhr, stimmt auf eine entschleunigte Auszeit ein.
Amrum besteht aus drei Gemeinden. Wittdün, das „Tor zur Insel“, empfängt Neuankömmlinge eher spröde – zwei Bushaltestellen, ein betonierter Vorplatz und im Hintergrund eine schlichte Häuserreihe. Wer zum ersten Mal ankommt, fragt sich wohl, wo sich Amrums Schätze verbergen. Doch nur wenige Schritte von der Anlegestelle entfernt zeigt sich die Insel von ihrer charmanten Seite: kleine Cafés, Läden und Boote, die sich im Wind wiegen, schaukeln im kleinen Jachthafen. Ein Highlight ist die „Wandelbahn“, eine Strandpromenade mit Meerblick, die seit 1914 den Ort umrundet.
Das Herzstück Amrums ist jedoch der Kniepsand – eine bis zu 1,5 km breite, 15 km lange Sandbank, die sich im Laufe der Jahre an die Insel geschoben hat. Hinter der feinsandigen Liegewiese beginnt die Dünenlandschaft mit bis zu 32 Meter hohen Sandbergen, von denen man bis nach Sylt blicken kann. Den eindrucksvollsten Panoramablick hat man vom rot-weiß gestreifte Leuchtturm – mit knapp 42 Metern Höhe der höchste begehbare an der deutschen Nordseeküste. Seine Lichtsignale reichen 23 Seemeilen weit. Auch mein Zimmer im Dachgeschoss des Hotels wird nachts immer wieder vom Leuchtfeuer erhellt.
Unweit des Leuchtturms liegt die Gemeinde Nebel. Sie ist bekannt für ihre alten reetgedeckten Friesenhäuser, die 250 Jahre alte Windmühle und das Heimatmuseum Öömrang Hüs – ein Friesenhaus aus dem 17. Jahrhundert. Auch die St.-Clemens-Kirche befindet sich im Ort. Gleich dahinter liegt der Friedhof mit den „sprechenden Grabsteinen“. Ein ungewöhnliches Bild: Fast alle Besucher halten statt Blumen ein Smartphone in der Hand und gehen von Grab zu Grab. Mittels QR-Codes lassen sich die Lebensgeschichten der Verstorbenen abrufen – auch die des wohl berühmtesten Insulaners Hark Olufs. Sein Grab gehört zu den bedeutendsten Kulturdenkmälern Amrums.
Die dritte Gemeinde der Insel ist Norddorf. Seit 1890 zieht der Ort Besucher an. An der Nordspitze liegt die Amrumer Odde, ein Naturschutzgebiet und Brutstätte vieler Vogelarten. Doch nicht nur Vogelfreunde kommen auf ihre Kosten. Über 55 km ausgeschilderte Radwege führen durch die abwechslungsreiche Landschaft.
Im Inselinnern überrascht ein dichter Wald, der nach dem Zweiten Weltkrieg als Küstenschutz angelegt wurde. Dass er etwas Besonderes ist, erfahre ich beim Abendessen. Am Tisch sitzt Rieke, eine ältere Insulanerin, mit ihren Feriengästen. Sie erzählt vom Amrumer Wald, ihrer Schulzeit und davon, wie die Schulkinder damals halfen, die Bäume zu pflanzen. Schmunzelnd fügt sie hinzu, dass der Wald deshalb gerade Baumreihen hat. Auf die Frage, ob sie nie das Bedürfnis hatte, aufs Festland zu ziehen, winkt sie lachend ab: „Ich habe hier alles, was ich brauche.“
Meine Urlaubswoche geht zu Ende. Es ist Samstagfrüh, als die Fähre den Hafen langsam verlässt. An Bord: viele Urlauber, für die die Auszeit ebenfalls vorbei ist. Der Himmel ist, wie die ganze Woche, strahlend blau – und auch der Abreisetag verspricht noch einmal sommerlich zu werden, bevor laut Wetter-App der Herbst auch hier Einzug hält. Am Hafen steht eine ältere Frau mit einem großen weißen Tuch. Sie winkt – noch immer, obwohl die Fähre längst abgelegt hat. Fast wirkt es, als wolle sie allen Urlauber Adieu sagen. Zahlreiche Gäste winken zurück. Ein älteres Paar steht neben mir an der Reling. Auch sie heben die Hand zur Verabschiedung. Die Frau lehnt sich an ihren Mann und sagt leise: „Bis nächstes Jahr“.
Wie die Möwen, die dem Schiff treu Richtung Amrum folgen, zieht es auch viele Urlauber immer wieder auf diese Insel zurück.
Mehr Infos zur Insel gibt es bei Amrum Touristik AöR in Wittdün unter amrum.de