ANZEIGE

Die haben doch alle ’nen Stich

© Foto: kantver / www.depositphotos.com

Eigentlich habe ich meinen Freund Michael nie für jemanden gehalten, der jeden bescheuerten Trend mitmachen muss. Warum auch? Der Enddreißiger ist mit sich im Reinen und führt ein im besten Sinne spießiges Leben – hübsche Frau, gemütliches Eigenheim, Golden Retriever und vor zwei Jahren machte Sohn Henry das Familienidyll perfekt.

Umso erstaunter war ich, als Michael mir jüngst eröffnete, er habe sich tätowieren lassen. Rasch entblößte er daraufhin seinen rechten Oberarm, auf dem man mit viel Phantasie zwei große und einen kleinen Menschen sowie einige bunte Luftballons erkennen konnte. „Das hat Henry gemalt“, sagte mein Freund stolz und fügte hinzu: „Wenn er sich weiterhin künstlerisch betätigt, ist bald mein ganzer Arm voll.“ Ich war sprachlos. Nie hätte ich gedacht, dass einer von uns beiden jemals wieder Gefahr läuft, sich freiwillig auf so einen gleichwohl peinlichen wie dauerhaften Körperschmuck einzulassen. Kurz nach dem Abi kamen einige unserer Klassenkameraden auf die Idee, beim hiesigen Tattoo-Laden vorstellig zu werden. So groß die Versuchung damals auch war, so glücklich waren Michael und ich bereits einige Jahre später darüber, dass unser Zaudern uns vor beknackten Tribals und chinesischen Schriftzeichen mit allzu banalen Botschaften bewahrt hat.

War der Gang zum Tätowierer früher noch ein Akt der Rebellion, ist die permanente Körperbemalung heute doch eher ein Zeichen von größtmöglicher Konformität. Unter Kickern gehört eine Unterarmtapete mittlerweile zu einem vollständigen Trikot genauso dazu wie Stutzen und quietschbunte Fußballschuhe. Blumenranken verzieren das faltige Dekolletee der Supermarktverkäuferin genauso wie den Nacken der gerade Volljährigen Büro-Azubine.

„Was soll das Ganze also?“, fragte ich Michael. „So habe ich meinen Sohn immer ganz dicht bei mir“, erwiderte dieser. Die Frage, ob´s nicht auch ein Foto in der Brieftasche oder auf dem Smartphone getan hätte, verkniff ich mir an dieser Stelle. Man muss vielleicht nicht alles verstehen. pa

© Foto: kantver / www.depositphotos.com

You must be logged in to post a comment Login