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Schauspieler!

Schauspieler!

Neulich im Supermarkt: Eine ältere Dame passiert gemächlich die Regale, in denen die Fertigeintöpfe stehen. Mit ihrem Gehwagen touchiert sie einen dicklichen Mann in den 40ern am Gesäß. Wie vom Hufschlag getroffen geht dieser zu Boden und fasst sich dabei theatralisch an den Kopf. Die eben noch fest umklammerte Bierdose rollt nun durch den Gang.

Die Tüte Erdnussflips kapituliert vor dem Gewicht des Gefallenen und gibt ihren Inhalt unter großem Getöse Preis. „Hat denn das keiner gesehen? Das war doch ein Anschlag auf mein körperliches Wohlergehen“, scheint das Gesicht des Mannes in einer Mischung aus Schmerz und Wut ausdrücken zu wollen. Rasch bildet sich eine Menschentraube um den Darniederliegenden. Manch einer der Herbeigeeilten fordert ihn auf, sich endlich zu erheben. Manch einer bedenkt die ältere Dame mit bösen Blicken und wüsten Schimpftiraden. Schließlich erscheint der Marktleiter auf der Bildfläche, woraufhin der scheinbar so schwer verletzte Kunde endlich aufsteht und den Schauplatz verlässt, als wäre nie etwas geschehen. Was im Alltag wie eine Groteske anmuten würde, ist im Fußball leider Gang und Gebe. In Russland sieht man derzeit erwachsene Männer, die nach einer leichten Berührung so tun, als wäre eine Amputation bestimmter Gliedmaßen unumgänglich.

Egal ob es darum geht, einen Elfmeter zu schinden, einen Platzverweis für den Gegenspieler zu provozieren, oder einen einen knappen Vorsprung über die Zeit zu retten – schauspielerische Einlagen sollen dem eigenen Team einen Vorteil verschaffen. Was von außen betrachtet wie das Gejammere ausgemachter Weicheier wirkt, hat noch eine weitere Komponente. Je mehr ein Spieler leidet, desto härter muss schließlich auch das vorangegangene Foul gewesen sein. Die Schwalbe als Ausweis von Männlichkeit in einer eigentlich nicht besonders männlichen Sportart. Zugegeben, das klingt ein wenig paradox, aber wer sagt schon, dass die Sozialisation von Kickern logischen Regeln folgen muss. So lange die gängigen Verhaltensweisen aus dem Paralleluniversum Fußball nicht Einzug ins „richtige Leben“ halten, kann man ja einfach den Fernseher abschalten. pa

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