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Leierkastenmann – Wenn zur Marktzeit die Drehorgel klingt

Leierkastenmann

Er gehört zum Bild. Ist er mal nicht da, fragt man sich schon, ob ihm etwas passiert sei. An diesem kalten Freitag im Februar fegt der Wind vom Neustädter Binnenwasser durch die Straßen und trägt Töne einer ganz bekannten Melodie mit sich – ein Ohrwurm.

Aber wie heißt sie gleich noch? Die Menschen kommen, eingepackt in dicke Jacken mit voluminösen Schals, in den Händen Körbe mit Gemüse und Eiern, vom Markt. Sie halten kurz inne vor der Drehorgel, grüßen „Pitschi“, Peter D’Alessio, wechseln ein paar Worte mit dem Leierkastenmann und manche stecken ein paar Euros in eine Büchse. Zu den Klängen schlägt der Plüschrabe mit den Flügeln und die Oldies auf dem roten Sofa scheinen bissige Kommentare zu geben.
„Das kann ich gar nicht sagen, warum ich mit dem Spielen der Drehorgel angefangen habe“, sagt Peter D’Alessio. “Meine Frau und ich, wir haben immer schon Schrott und Schrauben gesammelt“, erklärt er. „Irgendwann habe ich eine Anzeige in den LN gesehen, in der ein Leierkasten angeboten wurde. Wie sich später herausstellte, sollte ich viel Geld für Gammel bezahlen“, erzählt der Leierkastenmann und fügt noch hinzu: „Doch mit der nächsten Orgel ging das Leiern dann richtig los. Die Premiere war 1983 auf dem Lübecker Altstadtfest.“ Er trug damals einen Gehrock und Zylinder. Während er orgelte begleitete ihn seine Frau mit der Marionette „Professor August“. Seit dieser Zeit, 2018 seit 35 Jahren, ist er als Leierkastenmann unterwegs.

Ehemals arbeitete er bei der Lübecker Berufsfeuerwehr. Er lebt in Travemünde in einem kleinen Haus mit seiner Frau zusammen und ist seit 44 Jahren verheiratet. Im Norden hat er feste Tage, an denen er mit seiner Drehorgel die Menschen begeistert. Freitags trifft man ihn zur Marktzeit in Neustadt in Holstein, samstags in Eutin und montags vor dem Lübecker Kaufhof. Doch ein- bis zweimal im Jahr packt er seine Koffer, fährt mit seinem Wohnwagen durch Deutschland und tritt in allen möglichen eher kleineren Städten auf.

Noch eine Leidenschaft hat er für sich entdeckt, die auch damit zu tun hat, sich fortzubewegen. Doch bei dieser ist eher der Weg das Ziel und die Geschwindigkeit gemächlich. Vor 10 Jahren ist er den Jakobsweg zum ersten Mal gegangen. 2012 traf er sich mit seiner Tochter in Spanien und beide gingen einen Teil des Wegs gemeinsam. „Das war die beste Erfahrung meines Lebens“, sagt er und man spürt seine Begeisterung. 2014 erwanderten sich beide das Mittelstück des Jakobswegs und 2016 wollten sie sich das 1. Stück vornehmen. Doch D’Alessio stürzte und musste die Reise unterbrechen. In diesem Jahr wollen beide ihre gemeinsame Wanderung fortsetzen. Vermissen Sie den 71-Jährigen für einige Zeit, könnte es also sein, dass er mit seiner Tochter auf dem Jakobsweg ist.

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