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Vom Überleben in den Weiten der Holsteinischen Schweiz

© Kichigin19 · fotolia

Nein, ein Naturbursche war ich eigentlich nie und doch, oder gerade deswegen, hielten es meine Freunde für eine gute Idee, mich zum Geburtstag mit einem Survival-Trip zu überraschen. 24 Stunden in den Wäldern Bad Malentes – das hörte sich zunächst einmal wenig spektakulär an. Am vereinbarten Treffpunkt irgendwo im Nirgendwo machte ich Bekanntschaft mit meinen beiden Mitstreitern. Für Ulrike, eine Hausfrau in den 40er-Jahren, war das Ganze ebenfalls ein Geschenk gewesen. Nils war etwas jünger und Geschäftsführer irgendeiner Firma. Er hatte den Trip selbst gebucht und erzählte etwas von Entschleunigung, back to the roots und Selbstfindung. Ach, hätte ein triftiger Erfinder das Beamen doch schon zur Marktreife gebracht – ich wäre in Nullkommanix mit Bier und Chips auf der Couch, um mir völlig entschleunigt die Sportschau reinzuziehen. Dann betrat unser Guide die Bildfläche. Mit seinen klobigen Outdoorschuhen, dem rustikalen Holzfällerhemd und dem obligatorischen Vollbart würde man Andreas eher in den Weiten Kanadas oder Alaskas verorten, stattdessen führte er unsere Gruppe nun durch einen kleinen Waldabschnitt nahe des Dieksees. Nach halbstündiger Fußwanderung durch die Weiten der Holsteinischen Schweiz galt es, ein Lager aufzubauen. Mit Plane und Seil konstruierten wir etwas, das entfernte Ähnlichkeit mit einem Zelt hatte und uns zumindest vor Regen schützen sollte. Dass das Gebilde an der Seite offen war, bereitete mir keine Sorgen. Nächtlicher Besuch von Bären war eher nicht zu erwarten. Nachdem der Schlafplatz bereitet war, drückte uns Andreas eine Plastikflasche in die Hand, begleitet von einem dominant klingenden „Auffüllen“. Mit einer braunen Brühe aus dem nächstgelegenen Tümpel kamen wir zurück. Der gestrenge Überlebenscoach bastelte mit Hilfe von Taschentüchern, Sand und Holz einen Filter. Schmeckt gar nicht mal so gut, dachte ich mir, als das nun nicht mehr ganz so braune Nass meine Kehle hinunterfloss. So richtig beeindruckte mich Andreas dann, als er ohne Feuerzeug und Streichhölzer ein loderndes Lagerfeuer entfachte. Nur woher man in einer Notsituation Stahlwolle und eine Batterie herkriegen sollte, erschloss sich mir nicht so ganz. Ein wenig unheimlich wurde es dann doch noch. Als die von einem permanenten Geräuschteppich untermalte Nacht anbrach, musste ich unwillkürlich an „The Walking Dead“ denken. Statt Zombies waren es dann aber doch nur Eulen und Grillen, die sich der Ruhestörung schuldig machten. Ritsch-Ratsch-Ritsch-Ratsch – der nächste Morgen wurde von einem leisen, aber deutlich zu vernehmenden, Sägen eingeläutet. Unter fachkundiger Anleitung bastelten sich Nils und Ulrike einen Jagdbogen. Ich tat es ihnen gleich. Eine Mischung aus Mitleid und Unvermögen ließ uns die gelegentlich auftauchenden Karnickel und Einhörnchen verfehlen. Und so zeigte uns Andreas, welche Pilze, Beeren und Wurzeln essbar waren und welche nicht. Um etliche Erfahrungen reicher trat ich schließlich wieder in die Zivilisation ein, deren hervorstechendste Errungenschaft doch zweifelsohne Tiefkühlpizza sein musste. Wenigstens weiß ich nun, was zu tun ist, wenn ich einen Flugzeugabsturz in der Wildnis oder die nächste Zombie-Apokalypse überlebe. pa

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