Die fotografische Selbstinszenierung in sozialen Medien ist längst ein alter Hut. Eigentlich bedarf dieser zu einer weltweiten Epidemie verkommene Ausweis einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung auch keinerlei weiterer Worte, wäre da nicht der letzte Skiurlaub gewesen.
Meine Freundin hatte zu Weihnachten eine Teleskopstange zur Anbringung eines Smartphones geschenkt bekommen. „Selfie-Stick“ schimpft sich diese Erfindung, die für fotobesessene japanische Touristen ungemein praktisch sein mag, für erholungsuchende Männer wie mich jedoch eher ein permanentes Ärgernis. „Hey Schatz, lächel doch mal“, rief meine Freundin mir zu und richtete dieses Ding auf mich, während ich in konzentrierter Abfahrtshocke die Piste hinunterraste. Beim Schnaps auf der Almhütte, der gemütlichen Fahrt in der Gondel oder im Whirlpool nach einem ereignisreichen Tag auf der Piste – das Selbstportrait durfte nicht fehlen. Einfach mal Innehalten und das Alpenpanorama genießen? Fehlanzeige! Schließlich galt es, die rund 459 Facebook-Freunde bei Laune zu halten. Das schönste Urlaubsidyll wird durch diese neumodische Unart seiner Unmittelbarkeit, seiner Strahlkraft beraubt und in einen kleinen Kasten vollgepackt mit Technik eingesperrt. Außerdem hat das Posieren vor der Kamera für uns Männer einfach etwas Affiges, Affektiertes, irgendwie Gekünsteltes. Mitunter kann es sogar gefährlich sein. Ein junger Amerikaner nahm den Begriff Schnappschuss zu wörtlich. Er erschoss sich unlängst, als er ein Selfie mit einer Pistole machen wollte. Auch dass Menschen beim Selbstportrait von Brücken stürzen, ist hinlänglich dokumentiert. Wie auch immer, einigen Widrigkeiten zum Trotz hatten wir dann doch einen schönen Urlaub. Wieder zu Hause verlor meine Freundin nach der Sichtung einer wahren Flut an Urlaubsbildern und -videos irgendwann die Lust am Selfie. Ich bin erleichtert. Vielleicht kann das drastisch gesunkene Verletzungsrisiko ja sogar bei der Krankenkasse geltend gemacht werden. pa
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