Aus Emma wurde Sturmvogel II
Eine bewegte Geschichte hat das schöne Holzschiff hinter sich. Wer weiß, welche Fischer nach dem 2. Weltkrieg mit dem ehemaligen Fischereifahrzeug wahrscheinlich Unmengen an Heringen und Dorschen aus der Ostsee zogen. Welche Gäste später, als das Schiff Fahrgastschiff wurde und über die Hoheitsgebiete aufs Meer hinausfuhr, sich mit Zigaretten, Schnaps und Parfüm eindeckten. Die sogenannten Butterfahrten waren damals der Hit. Und wer weiß, welche Gäste sich heute lustige Stunden auf See machen und die vorbeiziehenden Küsten mit den wechselnden Landschaften aus Dörfern, Feldern und Steilküsten betrachten.
Los ging’s 1946 in Travemünde. In dem Jahr lief die Emma bei der Johannes Schlichting Yacht- und Bootswerft vom Stapel – gebaut als Angel- und Fischereifahrzeug. Dort blieb sie ihrem Heimatrevier, der Ostsee, treu und versorgte die Menschen mit frischem Fisch, der damals noch reichlich vorhanden war. Die Geschichte einer über viele Jahrzehnte dauernden maritimen Tradition zeigt, was gute Schiffe leisten können. Gebaut wurde das Fischerei-Motorboot mit der Bau-Nummer 1074 für Karl Johannsen in Travemünde. Es war 18 Meter lang, 5 Meter breit und hatte einen Tiefgang von 1,75 Meter. Für Insider: Es verdrängte 39 Tonnen. Und hier noch ein paar weitere Details, die für Schiffsliebhaber interessant sein dürften. Das Schiff war in Karvelbauweise gefertigt und mit einem 100-PS-Deutz-Diesel des Typs SA M428 ausgestattet, dessen Einbau durch die Firma Hagelstein erfolgte. Vorausschauend war bereits bei der Planung vorgesehen, das Schiff nicht nur in der Fischerei, sondern auch als Sommergäste-Boot einzusetzen. Für die Emma mit dem Kennzeichen TRA 3 wurde am 7. März 1953 W. Johannsen als Eigner eingetragen. So wurde die Geschichte des traditionsreichen Schiffes mit wechselnden Ostsee-Häfen fortgeschrieben. Mal war es in Travemünde zu Hause, mal in Niendorf oder Neustadt und Heiligenhafen. Auch Boltenhagen und Wismar waren Heimathäfen.

Hedwig – schippern und shoppen
Die schönste Einkaufsstraße auf dem Wasser gab es damals mit der Hedwig. Mit der Umbenennung von Emma in Hedwig am 12. Mai 1955 begann ein neuer Abschnitt in der Geschichte des Schiffes. Erstmal musste das Schiff verlängert werden. Das geschah in der Evers Werft in Niendorf, wo sie am 24. Mai 1965 neu vermessen wurde. Ab 1966 wurde die Hedwig dann von Travemünde aus für die Gästefahrt und die beliebten Kurzzeit-Butterfahrten eingesetzt. Aus dem ursprünglichen Arbeitsboot wurde nun ein Fahrzeug der Ausflugsschifffahrt.
Als neuer Eigner wurde am 24. Oktober 1970 W. G. J. Johannsen eingetragen. Das Schiff erhielt einen neuen Motor sowie umfangreichere Um- und Ausbauten, um den Anforderungen des Fahrgastbetriebs gerecht zu werden. Regelmäßige Werftliegezeiten auf der Schlichting-Werft gehörten dabei ebenso zu seinem weiteren Lebensweg wie der beständige Einsatz im Ausflugsverkehr. Später wurde das Schiff verkauft.

Mit MS Sturmvogel II auf Butterfahrt
Die Hochblüte der legendären Butter- und Bäderschifffahrten begann in den 1970er-Jahren. In den 1960er-Jahren nach der Verlängerung um sechs Meter startete eine besondere Epoche für das Fahrgastschiff, das sich fortan Sturmvogel II nennt. Zwischen den 1970er- und 1990er-Jahren ging es auf der Bäderroute knapp über die Hoheitsgebiete hinaus – mit dem Ziel, zollfrei einkaufen zu können. Und das wurde reichlich genutzt. Gäste nahmen Platz auf Bänken aus Holz an Tischen aus Holz und freuten sich über die Möglichkeit, alle möglichen Waren – tatsächlich auch Butter, aber auch Zigaretten und Alkohol – vergünstigt zu erstehen. Schon damals versprühte das Schiff viel Charme und transportierte Urlauber und Einheimische für einige glückliche Stunden aufs Meer. Heute ist das nostalgische Ambiente gefragter denn je.
Kurs auf Küstenflair
Zwischen Seeluft und Schiffsromantik bietet sich heute den Gästen ein maritimes Urlaubsvergnügen mit Geschichte. Am 25. Februar 1986 wurde das Schiff offiziell umgeschrieben und setzte seine Fahrt unter dem Namen Sturmvogel II fort. Mit 48 BRT und einer Vielzahl an einheimischen Gästen und reisenden Besuchern ist es weiterhin als Fahrgastschiff im Einsatz – damals von Niendorf aus. Eigner war Günther Möller, Betreiber einer Strandkorbvermietung und Bäderschifffahrt in Timmendorfer Strand. Auch 1994 war die Sturmvogel II dort noch im Einsatz. So wurde aus der einstigen Emma erst die Hedwig und schließlich die Sturmvogel II – ein Schiff, dessen Geschichte eng mit der regionalen Küstenschifffahrt verbunden ist. Und die Geschichte geht weiter: 2026 feiert die Sturmvogel II ihr 80-jähriges Jubiläum – dazu sind Sie herzlich eingeladen. Heute gehört die MS Sturmvogel zu den letzten fahrenden historischen Holzschiffen an der Ostseeküste. Zwar ist sie immer noch als Angel- und Fischereifahrzeug zugelassen, aber in erster Linie als Ausflugsschiff unterwegs. Neben dem regulären Fahrplan zwischen den Küstenorten von Neustadt nach Travemünde werden zahlreiche besondere Fahrten angeboten, so zum Beispiel Gedenkfahrten, historische Hafenrundfahrten, Lesungen und Feuerwerksfahrten. Auch chartern können Sie das Schiff. Sie haben besondere Wünsche? Am besten, Sie schnacken mit dem Kapitän oder der freundlichen Crew, die immer in offenes Ohr für ihre Gäste haben. Werden Sie Teil der Geschichte, die das charmante Schiff bisher geschrieben hat – ganz gleich, ob Sie nur mal zwei Stunden auf See den Kopf frei bekommen oder eine fröhliche Tagestour mit der Familie unternehmen möchten. Da kann man nur sagen: Ahoi auf die nächsten 80 Jahre!