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Männer – Helikopter-Väter

© Foto: Mivr / depositphotos.com

„Wer hat denn hier das letzte Stockbrot aufgegessen?“, fragt der Gastgeber des kleinen Gartenfestes in einem Tonfall, als würde jemand gerade kleine Hundewelpen quälen. Kleinlaut räume ich meine Schuld ein.

„Dann darfst du meiner Tochter jetzt erklären, dass für sie kein Brot mehr übrig ist. Sie hatte sich so darauf gefreut“, fordert mich der Gastgeber, nennen wir ihn Christian, auf. Die Frage, ob er das wirklich ernst meine, bejaht Christian energisch und sein wütender Blick lässt jeden Zweifel im Keim ersticken. Also trete ich meinen Gang nach Canossa an, der mich vom Lagerfeuer in die Küche führt. In ihrem Sternchenkleid sitzt dort Christians Tochter. Den Tränen nahe scheint sie über das Leid zu sinnieren, das ihr ein unsensibler Stockbrotaufesser gerade zugefügt hat. Meine Entschuldigung quittiert die Fünfjährige mit einem eisigen Schweigen.

Als ich wieder am Lagerfeuer ankomme, stellt Christian fest: „Oh, es ist ja doch noch Teig da.“ Christians Tochter kommt also doch noch zu ihrem Recht, beziehungsweise ihrem blöden Brot, und mein erniedrigender Bußgang war völlig umsonst. Bis zum Ende der Party sinniere ich über die Frage, was diese Art der Erziehung mit einem Kind macht. Christian kann seinen Nachwuchs schließlich nicht vor der gesamten Welt beschützen, aber er wird es vermutlich trotzdem versuchen. Ich stelle mir vor, wie er später einmal Klassenkameraden maßregelt, die seiner Tochter den Buntstift geklaut haben, wie er sich deren ersten Freund zur Brust nimmt mit der Drohung, er solle ihr niemals wehtun. Während ich so darüber nachdenke, verfliegt mein Ärger über die unpassende Bloßstellung. Beim Verabschieden entschuldigt sich Christian. „Ich bin wohl ein bisschen übers Ziel hinaus geschossen. Ich geb‘ dir demnächst mal ein Bier in der Kneipe aus.“

Schön, dass wir Männer so simpel gestrickt sind, denke ich mir, und mache mich auf den Heimweg. pa

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