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Rauchen für den Klimaschutz

© Foto: hplovecraft.mail.ru / www.depositphotos.com

„Was, ihr wart wirklich noch nie in den Staaten?“, fragte Maike ungläubig und ihr Gesichtsausdruck erweckte den Eindruck, als wäre mein Bekenntnis zum Urlaub in Europa ein Stempel mit dem Aufdruck „Hinterwäldler“. Maike ist die Frau eines guten Bekannten und lässt es sich auf Partys wie der am vergangenen Freitag nicht nehmen, ihre zahlreichen Reiseabenteuer in aller Ausführlichkeit breitzutreten.

Da meine Freundin mit der mitteilungsfreudigen Maike eine Facebook-Freundschaft unterhält, wären wir allerdings auch ohne weitere Ausführungen bestens im Bilde gewesen. Erst neulich postete sie wieder ein Foto, das sie im Bikini und mit einem Cocktail in der Hand zeigt, dazu der Kommentar: „Cancún – für mich nach wie vor der schönste Strand der Welt“. Auf weiteren Einträgen ist sie beim Moped fahren in Hanoi, vor den Pyramiden von Gizeh und inmitten der Tempelanlage Angkor Wat abgebildet. Maikes unbestrittene Lieblingsurlaubsdestination sind aber nach wie vor „die Staaten“, die sie in diversen Trips von Osten nach Westen und von Norden nach Süden bereist hat. Ich konnte es mir nicht verkneifen und fragte, ob so ein Lebensstil denn in Zeiten von Protestkundgebungen für den Klimaschutz noch moralisch zu verantworten sei – schließlich, bläst man mit so einem Langstreckenflug doch die eine oder andere Tonne CO2 in die Atmosphäre. Dieses Argument ließ Maike nicht gelten. Sie kompensiere all ihre Flüge über eine spezielle Internetplattform, bei der pro Flugkilometer ein bestimmter Betrag gespendet wird.

„Davon werden zum Beispiel effizientere Öfen in Afrika und weitere Klimaschutzprojekte finanziert“, ließ sie uns wissen. „Ärmere Menschen sollen also die Umwelt schonen, damit wir es nicht tun müssen – aha, das klingt wirklich fair“, sagte ich zu meiner Freundin, als wir die Party verließen. Sie fand, dass ich auf einem moralisch allzu hohen Ross sitzen würde. „Wenn dir das Klima so wichtig wäre, würdest du nicht jeden Tag Fleisch essen und das Auto zumindest hin und wieder mal stehen lassen. Außerdem würdest du so einen Langstreckenflug doch eh nicht durchhalten, weil du dann nicht rauchen kannst.“ Damit traf sie einen Nerv. Zwölf Stunden ohne Glimmstengel in einem Flugzeug zu sitzen, das könnten weder tropische Temperaturen noch fremde Kulturen aufwiegen. Wer hätte gedacht, dass ich mit meiner Nikotinsucht einmal einen wertvollen Beitrag zum Klimaschutz leiste. pa

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